Die Formel der Eleganz, Elisabeth Krimbacher, 2007

Die Formel der Eleganz

Rudi Stanzel und seine Leidenschaft für das Einfache

Elisabeth Krimbacher

(Erschienen im „PARNASS“ 1/2007)

Was, wenn die Bilder eines Malers genauso wären wie er selbst? Welchen Charakter hätten dann Rudi Stanzels Arbeiten? Wohl eine Mischung aus feiner Intellektualität und Zurückhaltung, aus Kontrolle und Rätsel. Und wer Rudi Stanzel kennt, wird ihn als Menschen erleben, der nicht vorgibt irgendetwas zu sein. An ihm ist alles echt, nichts ostentativ, einer, der sich gefunden hat. Jemand, der sich seit über 25 Jahren intensiv mit einem speziellen Ausschnitt der Welt beschäftigt, mit Kunst. Und innerhalb dieses Ausschnitts von einem noch kleineren fasziniert ist, der Malerei. Und auch innerhalb der Malerei entschied er sich dafür, eine klare Grenze zu ziehen: Schwarz, Weiß, Horizontal, Vertikal. Das sind die Parameter für Rudi Stanzels Arbeit.

Kunst ist die Möglichkeit, wo Nichts ist Etwas entstehen zu lassen. Weil die Menschen überfordert sind mit der Vielfalt der tatsächlichen Möglichkeiten, gibt es gewisse Regeln, Moden und Grenzen. So sieht das Rudi Stanzel. Und auch für ihn sind solche Beschränkungen wichtig. „Ich glaube, dass man mit sehr wenig Mitteln ganz grundlegende Aussagen schaffen kann. Ich muss nicht 256 verschiedene Farben haben um etwas auszudrücken, sondern es reichen schon zwei. Und es reicht das Rechteck: eine Senkrechte und eine Horizontale. Wie die ideale Formel in der Mathematik. Sie muss relativ einfach sein, elegant, erst dann ist es wirklich ein großer Wurf“. Ein schlichtes Konzept, etwas, das ganz und gar aus einem Guss gemacht ist und auch wenn Brüche vorkommen einen bleibenden Eindruck hinterlässt. Für Wissenschaftler liegt in der einfachen Darstellung eines komplizierten Sachverhaltes so etwas wie der Inbegriff der geistigen Freiheit. Wenn man es schafft, die Welt in eine möglichst schöne Formel zu verpacken, wird das als Meisterleistung anerkannt.

Stanzels Bilder entstehen zu erst im Kopf. Gefühle und seine momentanen persönlichen Befindlichkeiten, haben in einem Bild nichts verloren, so der Künstler. Die Qualität der Arbeit muss schließlich über die Tagesverfassung hinausgehen, da geht es nicht um Emotionen, sondern um ein bestimmtes Vokabular, das ähnlich einer Versuchsanordnung über die Jahrzehnte weiterentwickelt wurde. Ein Schlüsselerlebnis hatte er in jungen Jahren, denn eigentlich wollte er einmal Profi-Tänzer werden, deshalb residierte er in New York bei Merce Cunningham und versuchte sich in Wien mit Pantomime bei Sami Molcho. Die Pantomime-Klasse musste eines Tages abstrakte Begriffe darstellen. Weil Stanzel sich damals alleine fühlte beschloss er „Einsamkeit“ auf der Bühne vorzuführen. Stellte sich also einfach hin und war einsam. Bis Molcho ihn verwundert fragte: „Na, Rudi wann fängst du denn endlich an?“ Da wurde ihm klar, dass es nicht genügt, einfach nur unbedingt „etwas“ ausdrücken zu wollen. Ohne das probate Vokabular, ohne die richtigen Mittel, erreicht man niemanden. Und so setzte Stanzel alles daran, sich über die Jahre eine eigene Methode, jene ganz spezielle Bildsprache und Ausdrucksweise zu erarbeiten, an der er bis heute festhält.

Weil Rudi Stanzel kein richtiger Maler ist, interessierte er sich auch nie für die klassischen Fragestellungen und Probleme der Malerei, Raumtiefe, Perspektive oder Ausgewogenheit. Es ging ihm von Anfang an um Materialien und Texturen sowie deren Komposition in einem vorgegebenen Bezugsrahmen und um den Zufall – auch er ist ein Bestandteil seiner Absicht. Das Experimentieren und immer wieder neue Ausloten des vorgegebenen Raumes und der Beschaffenheit verschiedener Werkstoffe in Verbindung mit Schwarz, Weiß und allen Grauschattierungen, faszinieren ihn. Es entstanden Bildskulpturen, die die herkömmlichen Konstanten der Malerei hinter sich ließen, aber dennoch niemals die horizontalen und vertikalen Grenzen.

„Man lernt mit der Zeit inwieweit das Material der eigenen Intention folgt oder nicht, ob es im Bild funktioniert“, so Stanzel. Um das Gekonnte, den Manierismus zu vermeiden und frisch zu bleiben, ist es für ihn notwendig, immer wieder auf die Suche nach neuen Werkstoffen zu gehen. Stanzel durchlief bisher Phasen mit Seife, Transparentpapier, Aluminium, Graphit, Bitumen, Plastik bis hin zu den neu entstandenen „Chinabildern“, die Anfang dieses Jahres in der Wiener Galerie Ulysses ausgestellt waren. Er kennt keinerlei Berührungsängste, was die unterschiedlichen Materialien betrifft, da können Kieselsteine genauso interessant sein wie ein Müllsack. Wie schwarzes Plastik das Licht reflektiert, welchen Grauwert das Transparentpapier auf der Aluminiumfolie ergibt, warum das Bitumen Blasen wirft – bis ein neu gefundener Rohstoff ganz erprobt ist, bis er den Anforderungen voll entspricht, das ist jedes Mal eine inspirierende und lustvolle Auseinandersetzung für den Künstler.

Die aktuellsten Arbeiten, die während seines mehrmonatigen Aufenthaltes in Ningbo entstandenen „Chinabilder“ greifen wieder auf bereits erprobtes Material zurück. Stanzel machte hier allerdings eine Not zur Tugend, denn in Ningbo, dem, für chinesische Verhältnisse mit 3,5 Millionen Einwohner relative kleinen Dorf, südlich von Shanghai, war es ihm durch die Sprachbarriere unmöglich, an die gewünschten Werkstoffe zu kommen. Wer immer in China schon einmal nach einer wasserunlöslichen Spachtelmasse gefragt hat, wird das nachvollziehen können. Und so griff Stanzel wieder auf jene vertraute Methode zurück, die den Anfang seiner künstlerischen Karriere kennzeichnete. Als er in den 80er-Jahren bei Peter Weibel studierte, begann er mit einer Dose Weiß und einer Dose Schwarz auf Leinwänden zu experimentieren. Und auch heute sehen wir wieder diese Linien, Rechtecke und Grauschattierungen. Inspiriert durch die chinesische Tradition der Kalligrafie, klebt Stanzel hauchdünnes Reispapier direkt mit Acryl auf die Leinwand. Oder Papier aus chinesischen Schulheften, der Kontrast der schwarzen Tusche und die starren geografischen Linien bilden mit Stanzels organischen Formen eine Einheit. Denn Rudi Stanzels Minimalismus ist trotz konzeptioneller Strenge niemals hart und geometrisch. Im Gegenteil, höchste Lebendigkeit durch Ecken, Risse, Schnitte, Materialseufzer, Staub und Schweiß, der dem Künstler während der Arbeit von der Stirn tropft – eben seine Handarbeit – findet sich in jedem einzelnen Bild.

„Ich brauche nur ein Blatt Papier zu nehmen und daraus ein Quadrat reißen. Wenn man sich anschaut, auf welche Weise es zum Beispiel bei den Ecken ausfranst, dann ist das schon so wahnsinnig interessant und vielschichtig, dass ich gar nichts mehr Anderes brauche.“ Die Begeisterung mit der Rudi Stanzel so etwas erzählt, macht einem klar, worum es hier geht. Herantasten an die großen Fragestellungen des Lebens mit ganz einfachen Mitteln. Genau Hinschauen. Immer wieder reduzieren um eine freie Sicht zu bekommen. Denn das Glück ist meistens auch etwas ganz Kleines, Feines. Und die Erkenntnis ist nicht immer gleich eine große Erleuchtung. Das sind Arbeiten, die nicht alles auf den ersten Blick verraten, deren spröde Anmut auch den Betrachter herausfordert, sich in ähnlicher Weise zurückzunehmen, um dann in der scheinbaren Schlichtheit ein Geheimnis zu entdecken. „Im Moment wird weltweit sehr viel Energie darauf verwendet, Bewusstsein zu vernichten. Meine Bilder sind die Antwort darauf – ich möchte Bewusstsein schaffen.“

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